„Rock’n’Roll der Worte“ – Poetry Slam in der Rostocker Kulturwoche

15. November 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Dichterschlacht im Ursprung ist unumstritten jedes Semester einer der Höhepunkte der Rostocker Kulturwoche. Der Ansturm der Zuschauer ist ungebrochen und das Niveau ist inzwischen so hoch wie nie. Da fiel die Kür des Gewinners zwischen „Tittenfick“, Berlin und Heringsgedichten schwer. 

Bereits eineinhalb Stunden vor Beginn der Veranstaltung stehen rund 30 Leute vor dem Eingang zur Kleinkunstbühne des Ursprung und warten geduldig auf den Einlass. Man kennt sich. Für viele von ihnen ist der Poetry Slam in jedem Semester der Höhepunkt der Rostocker Kulturwoche. Daher wissen sie auch, dass man früh da sein muss, um überhaupt reinzukommen. Einige standen schon auf der Bühne. Andere wollen es heute zum ersten Mal wagen. Vereinzelt sieht man jemanden mit einem Zettel in der Hand unruhig von einem Fuß auf den anderen treten.

Eine „Dichterschlacht“ – Was soll das eigentlich sein?

Ein Poetry Slam ist vereinfacht gesagt ein Wettbewerb, bei dem Literaten in einem zuvor bestimmten Zeitrahmen eigene Texte vortragen können. Den Gewinner bestimmt am Ende das Publikum. Doch eine so simple Erklärung wird dieser Veranstaltung eigentlich nicht gerecht. Poetry Slam ist mehr! Es ist nicht nur der Inhalt, der im Vordergrund steht, es ist die Performance, der Event-Charakter, die Authentizität und die Interaktion mit dem Zuschauer, die das Erlebnis so einzigartig machen und oft genug über Sieg oder Niederlage entscheiden. Poetry Slam ist Rock’n’Roll der Worte.

Die Ursprünge des Poetry Slams liegen in den USA. 1986 fand in Chicago der erste Wettstreit dieser Art statt. In den 90ern erreichte der Poetry Slam dann Deutschland und inzwischen ist er im Mainstream angelangt und hat auch in Rostock Tradition. Sogar unzählige wissenschaftliche Auseinandersetzungen gibt es inzwischen, z.B. über „Text-Performance-Zusammenhänge als Faktoren für Publikumswertungen“.

So gut wie nie

In Rostock streiten dieses Mal zwölf Teilnehmer um den Sieg. Der Erstplatzierte darf sich den Wanderpokal – den silbernen Punkt – mit nach Hause nehmen. Außerdem gibt es Bücher und Gutscheine für die ersten drei. Jeder hat zehn Minuten Zeit. Hilfsmittel sind nicht erlaubt. Schnell wird klar, dass das Niveau dieses Mal unglaublich hoch ist. Ein Spitzen-Beitrag folgt dem nächsten. Von Langeweile kaum eine Spur. Das Publikum hängt an den Lippen der Slam-Poeten und belohnt mit tosendem Applaus, nicht enden wollenden Lachsalven und grölenden Zustimmungsrufen. Schon wer überhaupt den Mut aufbringt, mitzumachen, hat eine solche Reaktion mehr als verdient – kann doch auch so manch alteingesessener Slam-Profi die Aufregung mit dem zitternden Blatt in der Hand nicht verhehlen. Auffällig nur, dass bloß eine einzige Frau nach Vorne tritt. Sollte der Slam etwa zur reinen Männer-Domäne verkommen?
Die Frage, wer die eigene Stimme am meisten verdient hat, ist am Ende jedenfalls so schwer zu beantworten wie nie.

1. Platz: Diego Hagen: „Und proudly präsentier ich ihn’ mein‘ Text über Berlin.“

Schon beim letzten Poetry Slam hatte der Greifswalder Student aus Berlin mit seinem Beitrag über das Suffix „-ieren“ die Gunst der Zuschauer auf seine Seite gezogen. Nach Rostock gebracht hatte ihn André Marschke, der ihm zuvor in seiner Stadt den ersten Platz vor der Nase weggeschnappt hatte. Diesen Mal reflektiert Diego in Reimform witzig und selbstironisch über seine Selbstzweifel und Hoffnungen vor der Veranstaltung, wirft einige Alliterationsgeschichten ein und endet mit einem vorwurfs- und doch auch liebevollen Text über und an seine Heimatstadt Berlin.

2. Platz: Hannes Nietz: „…so wie in Gladbach Giovane Elber.“

Betont ruhig, mit gepflegtem Understatement und der richtigen Prise Unsinn kommt Hannes daher. Da ist es dann auch nicht nur die Pointe mit Giovane Elber, die überzeugt, sondern auch die Gedichte, die die Höhrer in den Rostocker Hafen führen, z.B. der Text über Kubb-Spieler und der über die Heringe.

(Anm. d. Redakteurin: Ich bitte, die schlechte Tonqualität zu entschuldigen. Für meine Kamera war der Poet leider schon zu ruhig. Zur Vollständigkeit wollte ich allerdings auch dieses Video zur Verfügung stellen.)

3. Platz: Thomas Linke: „Tittenfick antäuschen und…“

Auch Thomas kennt man. Allerdings bisher nur als Teil eines Duos, das auch bereits Plätze auf dem nicht physisch vorhandenen Podium erkämpft hat. Doch auch solo hat er die Zuschauer schon mit dem ersten Satz auf seiner Seite„Tittenfick antäuschen und dann auf den Bauch kacken“. Und erste Sätze sollen auch das Thema seiner Präsentation sein.

Was haben wir gelacht

Ein weiteres Mal kann der Poetry Slam der Kulturwoche also als voller Erfolg gelten. Dabei setzen die meisten Poeten immer mehr auf Unterhaltung und diejenigen, denen das am besten gelingt, werden mit den entsprechenden Preisen belohnt. Doch nicht nur, dass Daniel Karstädt, Organisator der Kulturwoche, sich wohl langsam nach größeren Räumlichkeiten umsehen sollte – eigentlich hätte so mancher Slam-Poet der Runde auch genügend Potenzial an einem Abend alleine eine Bühne zu füllen. Inzwischen hat der Slam in Rostock schließlich seine eigenen Stars gekürt, die vor dem richtigen Publikum anscheinend gute Laune garantieren können.

Foto und Videos: Elisabeth Woldt

Dieser Artikel wurde zuerst auf www.heulermagazin.de veröffentlicht.

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