Die Macht des fairen Konsumenten

14. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Rostock – bald Hanse-, Universitäts- und Fairtrade-Stadt? Was heute noch realitätsfern klingt, könnte bald wahr werden. Im September beschloss die Bürgerschaft, den Titel »Fairtrade Town« anzustreben, den Kommunen im Rahmen der gleichnamigen Kampagne erwerben können. Damit wäre Rostock sowohl die erste Fairtrade-Stadt Mecklenburg-Vorpommerns als auch eine der ersten in den neuen Bundesländern.

»Fairtrade? Hat das nicht etwas mit diesem grün-blauen Siegel zu tun, das an ein Yin-Yang-Symbol erinnert?« So oder so ähnlich lauten für gewöhnlich die ersten Reaktionen von Konsumenten, wenn sie auf fairen Handel angesprochen werden – sofern sie das Siegel überhaupt kennen. Denn obwohl die Umsätze von Fairtrade-Produkten seit Jahren weltweit wachsen, machen sie in den meisten Ländern noch immer nur einen Bruchteil des Marktanteils aus.

Fair gehandelte Ware bekommt man in den Weltläden. In Rostock gibt es ein solches Geschäft schon seit 1990. Es befindet sich im Ökohaus in der Hermann­straße 36. ­Weitere Infos: oekohaus-rostock.de

Fairtrade bedeutet eigentlich nur, dass den Produzenten ein stabiler Mindestpreis für ihre Ware garantiert wird, der über dem durch Spekulationen starken Schwankungen unterworfenen Weltmarktpreis liegt und der die Produktionskosten auf faire Art und Weise decken soll. Dafür müssen die Hersteller bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Bedingungen einhalten, zum Beispiel das Verbot von Kinderarbeit. Eine Win-win-Situation für alle also.

Das bekannteste Fairtrade-Siegel, das für gerechte Produktionsbedingungen steht, ist das Transfair-Siegel. Die Einhaltung von dessen Bedingungen wird durch ein unabhängiges Zertifizierungsunternehmen der »Fairtrade­ Labeling Organization« überprüft und nach der Vergabe des Siegels regelmäßig kontrolliert. Die Händler, die diese Fairtrade-Produkte vertreiben, sind verpflichtet, eine Prämie an die Produzenten auszuzahlen. Diese wiederum muss in soziale und wirtschaftliche Entwicklung investiert werden, also beispielsweise den Aufbau von Schulen. Transfair-Siegel werden unter anderem für Kaffee, Tee, Kakao, Südfrüchte, Textilien, Wein und Blumen vergeben.

Seit 2009 können sich Kommunen in Deutschland für den Titel »Fairtrade Town« bewerben. Inzwischen gibt es deutschlandweit 54 Fairtrade-Städte. Weltweit sind es ungefähr 1.000 in 22 Ländern. Mehr dazu unter: fairtrade-towns.de

Was bedeutet das nun für die aufstrebende Fairtrade-Stadt Rostock? Der Titel wird keineswegs nur an Kommunen vergeben, die sich verpflichten, ausschließlich fair gehandelte Produkte zu kaufen und zu benutzen. Vielmehr geht es um die Einhaltung von fünf Kriterien: Der erste Schritt ist durch den Bürgerschaftsentscheid zur Zielsetzung bereits erfolgt. Gegen den Antrag der Grünen stimmte nur die FDP-Fraktion. Eine lokale Steuerungsgruppe zur Koordinierung der Aktivitäten hat sich ebenfalls schon gebildet. Gemäß der Größe der Stadt müssen am Schluss 31 Einzelhandelsgeschäfte, 17 Restaurants und Cafés sowie jeweils zwei Schulen, Vereine und Kirchen Fairtrade-Produkte verkaufen beziehungsweise verwenden. Des Weiteren ist es notwendig, dass an öffentlichen Bildungseinrichtungen Aktionen zum Thema durchgeführt werden und die lokalen Medien über die Fairtrade-Aktivitäten der Stadt berichten. Vonseiten der Unterstützer des Projekts zeigte man sich optimistisch, dass die Kriterien bald erfüllt werden könnten.

Fair gehandelter Kaffee ist das bekannteste Produkt mit dem Transfair-Siegel. Dennoch lag der Marktanteil im Vergleich zu anderen Kaffeeprodukten 2010 in Deutschland bei nur zwei Prozent. Die Getränke der Chaqwa-Kaffeeautomaten der Uni Rostock sind fair gehandelt.

Aber ist das alles nicht letztendlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Sicherlich ist wahr, dass die Anstrengungen einer Stadt dieses geringen Ausmaßes allein nicht die Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt verbessern können. Das Ziel der Kampagne »Fairtrade­ Town« ist es jedoch, überhaupt erst einmal darauf aufmerksam zu machen, unter welchen Bedingungen die Produkte in unseren Supermärkten entstehen, und die Menschen dafür zu sensibilisieren, beim Kauf darauf zu achten, Ausbeutung nicht zu unterstützen. Denn die größte Macht im weltweiten Produktionsprozess hat immer noch die Gesamtheit der Konsumenten. Daher ist die Zielsetzung der Rostocker Bürgerschaft eine begrüßenswerte Initiative. Dabei allein darf es aber nicht bleiben.

Ein Artikel von Elisabeth Woldt
Grafik von Michael Schultz

(Dieser Artikel wurde auch in der Printausgabe des heuler veröffentlicht. Du findest ihn im Magazin Nr. 95 auf Seite 27.)

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