Metropolisiert

12. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

„Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“ In Rostock wurde am Sonntagabend der Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ aufgeführt. In der Halle 207, mit orchestraler Begleitung durch die Norddeutsche Philharmonie und in derneuen restaurierten Fassung. Ungeahnt beeindruckend!

Fast zweieinhalb Stunden Film, noch dazu stumm und in schwarz-weiß… Ich gebe zu, dass ich etwas skeptisch war, als ich die Halle der früheren Neptunwerft betrat, um mir eines der (laut Wikipedia) bedeutendsten Werke der Filmgeschichte anzusehen. Ich erwartete, dass ich „Metropolis“ wie eine Art altes Gemälde betrachten würde: irgendwie interessiert und mit semi-intellektueller Kennermiene. Gar nicht gerechnet jedoch hatte ich damit, dass mich die Handlung fesseln, dass ich dich Sprache tatsächlich nicht vermissen, kurz, dass der Film mich mitreißen würde, wie er es letztendlich getan hat.

„Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“

„Metropolis“ enthält alle Elemente, die auch heute noch zu den Standards eines guten Sonntagabend-Blockbusters zählen: Liebe, Rache, Gesellschaftskritik und ein wenig Größenwahn. Regisseur Fritz Lang erzählt in dem Film die Geschichte von der Stadt Metropolis, in der die Gesellschaft in zwei klar getrennte Klassen eingeteilt ist: die Arbeiter, die tagtäglich an den Maschinen schuften und in der Unterwelt leben sowie eine in Luxus lebende Oberschicht. Joh Fredersen herrscht über diese Welt. Doch eines Tages verliebt sich sein Sohn Freder in die Arbeiterin Maria, die in den Katakomben von Metropolis immer wieder von dem „Mittler“ predigt, der eines Tages kommen würde, um „Hirn“ und „Hände“ zu verbinden.

Währenddessen ahnt Joh Fredersen, dass es in der Arbeiterschicht rumort und sucht den Erfinder Rotwang auf. Dieser baut in seinem Haus an der „Mensch-Maschine“, eine Art Roboter, der ihm Ersatz für seine verstorbene Liebe Hel (Johs führere Frau und Freders Mutter) sein soll. Angesichts der Predigten von Maria und ohne die Liebe seines Sohnes zu dieser Frau zu ahnen, befielt Joh dem Erfinder, dass er der „Mensch-Maschine“ das Gesicht von Maria geben soll, um durch die Doppelgängerin Einfluss auf die Arbeiter zu gewinnen. Doch Erfinder Rotwang spielt ein falsches Spiel, denn da er Joh die Schuld am Tod seiner geliebten Hel gibt, möchte er den ehemaligen Konkurrenten eigentlich nur ins Unglück stürzen und plant das Ableben des Sohnes und die Zerstörung von Metropolis…

310 Tage Dreh, 600 km Filmrolle, 27 000 Komparsen und 5 Millionen Reichsmark

Doch allein die Geschichte des Films selbst wäre wohl einen Film Wert. 310 Tage dauerte der Dreh, circa 600 km Film wurden belichtet, 27 000 Komparsen engagiert und 5 Millionen Reichsmark in der bis dahin teuersten deutschen Produktion aller Zeiten verschlungen. Aber dann floppte der Film bei seiner Uraufführung 1927. Zu lang, zu kompliziert und zu platt zugleich, so das Resümee der Kritiker. Aus diesem Grund beschloss man den Film radikal zu kürzen. Ungefähr ein Viertel des Bildmaterials wurde weggeschnitten und die Story auf ihr Mindestmaß reduziert. Selbst auf einige wichtige Schlüsselszenen und einige Nebencharaktere wollte man verzichten. Die Originalfassung des Films ging daraufhin mit den Jahren verloren. Und die fehlenden Szenen galten als für immer verschollen.

Bis 2008. Denn vor zweieinhalb Jahren entdeckte Paula Félix-Didier, Chefin vom Museo del Cine in Buenos Aires, eine alte, schlecht erhaltende Filmrolle im Archiv des Museums, die ihr dafür, dass es sich um den Metropolis-Film handeln sollte, verdächtig lang vorkam. Ein Sensationsfund! Und der Beginn eines sehr, sehr aufwendigen Restaurationsprozesses. Nicht nur, dass die gefundene Kopie in einem anderen Format und in einem schlechten Zustand war, man hatte auch kaum eine Ahnung, in welcher Reihenfolge die Szenen denn nun auch korrekt zusammengefügt werden sollten. Zwar hatte man das alte Drehbuch, doch Fritz Lang war bekannt dafür gewesen, dass er sich nicht unbedingt an solche Vorgaben hielt. Als wichtigste Quellen dienten daher die Partituren der Filmmusik von Gottfried Huppertz und die Mitschriften der Zensurbehörde, um die 322 wiederaufgetauchten Sequenzen zu restaurieren. Das Ergebnis wurde dann erstmals auf der Berlinale 2010 präsentiert und kann nun seit dem 12. Mai dieses Jahres auch in deutschen Kinos angesehen werden.

Fazit:

Dass man auch in Rostock die Chance hatte, Metropolis in der Originalfassung und orchestraler Begleitung zu erleben, war eine wirkliche Bereicherung für die viel zu häufig nur durch den Mainstream geprägten Leinwände dieser Stadt. Leider bleibt es wohl bei dieser einen einzigen Aufführung im Rahmen des Sommerfestivals vom Rostocker Volkstheater. Ob der Film auf einer Nachfolger-Seite von kino.to oder auch auf DVD mich auch nur annähern so begeistern könnte wie mit der Norddeutschen Philharmonie in einer ehemaligen Weft-Halle, wage ich zu bezweifeln. Dem Filmliebhaber, der an anderer Stelle die Chance bekommt, Metropolis in einem Dolby-Surround-Kino oder aber ebenfalls mit Orchester-Begleitung zu erleben, dem sei eine solche Vorstellung jedoch mit Nachdruck ans Herz gelegt.

Alle Bildrechte liegen bei der Murnau-Stiftung

Dieser Artikel wurde zuerst auf www.heulermagazin.de veröffentlicht.

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