Die Lücke im Diskurs

11. März 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ausländer, die in Deutschland leben, sollen auch die deutsche Sprache lernen. So der allgemeine Konsens zur Integrationspolitik der Bundesregierung. Asylbewerber jedoch haben keinen Anspruch auf Unterstützung für Sprachkurse. Eine Gruppe engagierter Studierender aus Rostock versucht im Moment, diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit durch selbst organisierten Unterricht zu schließen.

»Igel – I-g-e-l – Igel « Zehn Frauen unterschiedlichen Alters blicken konzentriert nach vorne, als die junge Afghanin namens Farsan das Wort mit Kreide an die Tafel schreibt. Danach lesen und buchstabieren sie gemeinsam. Einige murmeln die Buchstaben noch leise vor sich hin, andere reihen bereits selbstbewusst die richtigen Zeichen aneinander. Nur zwischendurch sehen manche der Frauen noch etwas unsicher zu ihren beiden Lehrerinnen für diese Stunde. Doch Juliane Muxfeld und Mareike Schmitz, beide Studentinnen der Universität Rostock, lächeln nur ermunternd zurück und halten selbst gezeichnete Bilder von den Bedeutungen der Wörter hoch. Nach und nach wird die Stimmung unter den Frauen etwas lockerer. In dieser dritten Unterrichtsstunde erkennen sie bereits viele Vokale und Konsonanten wieder und helfen sich auch untereinander beim Verständnis der Aufgaben und der Wörter, die sie lesen. Denn wenn Schüler und Lehrer keine gemeinsame Sprache für die grundlegende Verständigung haben, dann fallen individuelle Erklärungen oft schwer.

Alle Frauen dieser Lerngruppe sind Bewohnerinnen des Asylbewerberheims in der Satower Straße am Neuen Friedhof in Rostock, ganz am Ende der Straßenbahnlinie 6. Einige von ihnen sind bereits mehrere Jahre, andere erst ein paar Monate in Deutschland. Fast alle Anwesenden kommen aus Afghanistan. Nur wenige kennen mehr als einzelne deutsche Wörter. Denn als Flüchtlinge im Asylbewerberverfahren oder im Duldungsstatus haben sie keinerlei Anrecht auf Integrationsleistungen oder gar auf eine Arbeitserlaubnis.
Wie alle im Moment 220 Bewohner des Asylbewerberheims sollen sie nur so lange hierbleiben, bis geklärt ist, ob sie Anspruch auf Asyl in Deutschland haben, oder aber bis die Lage in ihrem Herkunftsland eine Rückkehr in ihre Heimat zulässt. Nur dauert es eben manchmal viele Jahre, bis dieser Zeitpunkt eintritt. So lange heißt es häufig warten. Steffen Vogt, einer der fünf zuständigen Sozialarbeiter für die Flüchtlinge, ist jedenfalls sehr dankbar, dass hier durch die ehrenamtliche Arbeit der Studierenden die Lücke zwischen dem allgemein kommunizierten Integrationsanspruch an Ausländer in Deutschland und den fehlenden  Integrationsangeboten für Asylbewerber ein wenig geschlossen werden kann. Denn der Verein Ökohaus, der die Unterkünfte in der Satower Straße trägt, kann sich das Angebot von Sprachkursen im Moment nicht ohne zusätzliche Fördergelder leisten und für die Flüchtlinge selbst seien die Kosten für einen Volkshochschulkurs einfach nicht bezahlbar.

Initiiert wurde das Projekt jedoch letztlich von jungen Leuten, die sich bereits seit einiger Zeit mit den Umständen der Asylbewerber in der Unterkunft in der Satower Straße beschäftigen und sich dabei »irgendwo im Spannungsfeld zwischen Willen zur Veränderung der Strukturen« und »Sozialarbeiterrolle« sehen. »Angefangen hat es eigentlich mit einer Vokü [Volksküche]«, berichtet Kerstin Gollmer, die bereits von Anfang an bei der Organisation der Aktivitäten für die Asylbewerber dabei war. »Wir haben die Leute hier eingeladen, mit uns zu kochen, um mit ihnen in Kontakt zu kommen.« Hinzu seien dann bald Angebote zur Hausaufgabenbetreuung für die Kinder in der Unterkunft gekommen oder auch zur Hilfe bei Behördengängen. »Als man dann so mit der Zeit ins Gespräch kam, stellte sich heraus, dass es der größte Wunsch vieler Bewohner hier ist, Deutsch zu lernen«. erzählt Kerstin weiter. Die Idee für die Sprachkurse war geboren.
Im September des letzten Jahres hatten die ehrenamtlichen Helfer eine Rundmail über den Verteiler des AStA an Lehramts- und Germanistik-Studenten geschickt. Darauf meldeten sich genug Studierende zurück, um eine tägliche Hausaufgabenbetreuung und regelmäßige Deutschkurse auf die Beine stellen zu können. Die drei Sprachklassen – eine für Anfänger, eine für Fortgeschrittene und eine nur für Frauen – treffen sich seit Mitte Januar jeweils drei Mal pro Woche für je eine Stunde. Um diese Zeiten im vollen Uni-Alltag gewährleisten zu können, werden die Lerngruppen immer von mehreren Studierenden betreut. Vielen fällt es zusätzlich leichter, wenn sie nicht gleich allein vor den zehn bis 26 Leuten stehen müssen. Freiwillige treffen hier aufeinander und das spürt man auch. Auf der einen Seite sitzen die Asylsuchenden, die außerordentlich motiviert sind, die Sprache des Landes lernen wollen, in dem sie Zuflucht gesucht haben. Ohne Zertifikat, ohne Kosten und ohne Anspruch auf Perfektion. Auf der anderen Seite stehen Studierende, die sich einfach mal in der praktischen Lehre ausprobieren oder auch die eigene Sprache aus einem neuen Blickwinkel betrachten wollen.
Sogar auf ein bisschen Geld für Lernmaterialien dürfen beide Seiten im Moment hoffen, denn noch bis zum 26. Januar können Rostocker im Rahmen eines Wettbewerbs der Drogerie-Kette dm im KTC für das Projekt abstimmen. Falls die Gruppe der Satower Straße gewinnen sollte, winken 1.000 Euro, die man zum Beispiel für Arbeitsblätter, Wörterbücher und Kreide ausgeben könnte.

Doch bis dahin werden die Schülerinnen von Mareike und Juliane erst einmal mit selbst gezeichnetem Material weitermachen. Jede der Frauen zählt am Ende der Stunde einige Wörter auf, die sie neu gelernt hat. Farsan nennt den »Igel« und verabschiedet sich mit
einem »Bis bald!«

Dieser Artikel wurde im Hochschulmagazin der Universität Rostock „heuler“ in der Januarausgabe 2011 (No. 92, S. 24-25) veröffentlicht. Das ganze Heft kann man im Archiv des Magazins unter www.heulermagazin.de im pdf-Format ansehen und runterladen.

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