Die Rolle meines Lebens

9. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wo geht’s denn jetzt nach Hollywood? Von Castings, Wunderkindern, ukrainischen Dorfbewohnern und meinem ersten (und letzten?) großen Auftritt in einem Kinofilm.

Ein Gespenst geht um im Putbuser Theater – das Gespenst des Kommunismus. Von den Gängen aus starren Lenin und Stalin finster von ihren Plakaten. In der Loge nehmen Herren in sowjetischen Offiziersuniformen Platz. Sie sehen in Richtung Bühne, wo gerade ein junger und begnadeter Violinist und eine ihm um nichts nachstehende Pianistin das auffällig altmodisch gekleidete Publikum mit ihrem Spiel in den Bann ziehen.

Erst der Blick hinter die Bühne und an die Seiten des Zuschauerraums lässt das Gespenst verpuffen. Dort scharren sich die Menschen, die für die Illusion verantwortlich sind: Dutzende Techniker für Bild, Licht, Film und Ton, Kostüm- und Maskenbildner, verschiedenste Assistenten und, nicht zu vergessen, der Regisseur Marcus Rosenmüller, der mit kritischer Miene die Entstehung seines ersten Kinofilms begutachtet. Nach einiger Zeit nimmt man dann auch die Schauspieler wahr, die selbst den nicht allzu treuen Zuschauern des deutschen Fernsehens irgendwie bekannt vorkommen: Kai Wiesinger, Catherine Fleming, Gudrun Landgrebe, Rolf Kanies und Gedeon Burkhard, der immerhin auch einen der »Inglorious Basterds« darstellte. An anderen Drehtagen ist auch der Liedermacher Konstantin Wecker dabei.

Rund herum reihen sich knapp 70 Komparsen, die durch mühevolle Kleinstarbeit an Kostüm, Haaren und Make-up um einige Jahrzehnte in der Geschichte zurückversetzt wurden, um nun die Authentizität des filmischen Spektakels zu untermalen. Und dazwischen sitze dann auch noch irgendwo ich in der vielleicht schon größten Rolle meiner schauspielerischen Laufbahn oder aber erst am Beginn meiner Karriere mit direktem Kurs auf Hollywood. Unter Beweis stellen darf ich mein Talent durch folgende Aktionen: sitzen, zustimmend und freudig nicken, klatschen, zu den angesprochenen Personen blicken, nochmals klatschen und letztlich klatschen und auch aufstehen, wenn es um die »glorreiche Partei« geht. Das alles letztendlich auch noch – dank Duplikationstechnik – in wahrscheinlich unbemerkter dreifacher Ausführung.

»Wunderkinder« soll der Film heißen, dessen Abschlussszene hier gerade entsteht. Er thematisiert den Versuch dreier junger musikalischer Talente – darunter zwei Kinder aus der Sowjetunion und eines aus Deutschland – entgegen der Wirren des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Musik und ihrer Freundschaft zu bestehen.

Doch eigentlich wusste ich nicht mehr als den Titel des Films, als ich mich Anfang September zu einem der ausgeschriebenen Castings in Stralsund 1 meldete. Gesucht wurden Männer, die bereit sind, sich einen Nazi-Schnitt verpassen zu lassen, sowie Frauen, die entweder besonders »arisch« oder aber irgendwie osteuropäisch aussehen. Hauptsache ohne auffällig modern geschnittene oder gefärbte Haare sowie ohne Tätowierungen und Piercings. Nach mehreren Stunden des Wartens, ein paar Fotos und einer Mail wenige Wochen später durfte ich mich zur ukrainischen Dorfbewohnerin berufen fühlen.

Während der Kostümprobe im Oktober wurde dann in einer logistischen Meisterleistung bereits die Zeitreisenausstattung der mehr als hundert Komparsen für den großen Auftritt geprobt, inklusive Make-up und Frisur. Was bei Männern mit einer Schermaschine relativ schnell erledigt werden kann, dauert bei Damen mindestens eine halbe Stunde. Schließlich gilt es auch, die ganzen schrägen Ponys und Stufenschnitte zu kaschieren. Zwischen all den SS-Offizieren, Herren mit Judenstern und den »osteuropäischen«  Herrschaften in Abendgarderobe war auch ich inzwischen mit meinen gedrehten Locken und dem schwarzen Kleid nur noch eine Nummer im standardisierten Verfahren der Agentur, die mit neuen Fotos, meinem Kostüm und den dazugehörigen Änderungsanweisungen an einen Bügel gehängt wurde. Aber immerhin: Ich wurde zur Angehörigen der Mittelschicht befördert.

Weitere Warterei eröffnete auch den eigentlichen Drehtag auf Rügen Anfang November. Erst fünf Stunden nach Eintreffen, die mit Maske, Kostümierung, ein paar belegten Brötchen, Kaffee und noch mehr Warten gefüllt wurden, hörte ich erstmals die Regieklappe fallen. Weitere fünf Stunden später durfte ich mich wieder meiner Rolle entledigen. Und dieser ganze Aufwand für letztendlich geschätzte sieben Minuten Kino, ein paar Fotos fürs Plakat und einen eventuell sichtbaren, wenngleich verschwommenen Zuschauerschatten hinter Gudrun Landgrebe …

Die Film-Premiere ist für Herbst 2011 geplant. Gibt es eigentlich auch einen roten Teppich für Komparsen?

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Dieser Artikel wurde im Hochschulmagazin der Universität Rostock „heuler“ in der Dezemberausgabe 2010 (No. 91, S. 14) veröffentlicht. Das ganze Heft kann man im Archiv des Magazins unter www.heulermagazin.de im pdf-Format ansehen und runterladen.

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Die Fotorechte liegen alle bei mir (:

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