Was macht Radio frei?

19. Februar 2010 § 3 Kommentare

Rückblick auf eine Diskussion zur Freien-Radio-Kultur in Deutschland (18.02.2010)

Moderator:
Falk Schlegel (Sozialwissenschaftler)

Diskussionsteilnehmer:
Viviana Uriona ( Bundesverband Freier Radios)
Stephan Tenner (Community Media Forum Europe)
Ralph Kirsten (Radio LOHRO)

Die Medienlandschaft zwischen Apokalypse und Totaldemokratisierung
Die traditionelle Print-, Radio- und Fernsehberichterstattung erlebt den größten Umbruch seit Jahrzehnten und der umfassende Aufwind in der Produktion vom sogenannten „User Generated Content“ scheint kaum noch zu bremsen. In sämtlichen journalistischen Darstellungsformen reflektiert man über Chancen und Risiken dieser Krise. Zwischen Beschwörung der Apokalypse des Qualitätsjournalismus und dem Ideal einer Totaldemokratisierung der Medienlandschaft kommt der Zeitpunkt für eine Diskussion der Idee und der Realität freier Radios in Deutschland sicher gerade recht. So trafen sich gestern drei Verfechter dieses Mediums im Rahmen der von „Soziale Bildung e.V.“ organisierten Politischen Donnerstage im Rostocker Peter-Weiss-Haus. Doch…

…was sind freie Radios?
Hört man den Diskussionsteilnehmern zu, entsteht der Eindruck eines pulsierenden vielzelligen Organismus, in dem sich alle Glieder im ständigen Austausch mit der Umgebung und fließender innerer Veränderung befinden. Die Fähigkeit in einem solch möglichst demokratischen Meinungsbildungsprozess eine Programmstruktur zu erschaffen, ohne Flexibilität und Kreativität zu ersticken, ist sicher eine der großen Herausforderungen für das Betreiben freier Radios.

Freiheit inmitten finanzieller Pflichten
Ohne relative wirtschaftliche Unabhängigkeit, kann eine freie Berichterstattung nicht möglich sein. Dies stellt Ralph Kirsten am Beispiel des komplexen Finanzierungssystems des freien lokalen Rostocker Radiosenders LOHRO einprägsam heraus. Durchschnittlich koste es 170.000€ im Jahr, das Vollprogramm aufrecht zu erhalten. Dafür ist neben den Geldern von Land und Kommune, der Unterstützung der Landesmedienakademie und den 450 Mitgliedern des Fördervereins letztendlich auch viel freiwilliges Engagement der im Moment knapp 176 aktiven Mitarbeiter von Nöten. Die allerwenigsten sehen dafür eine Aufwandsentschädigung. Freie Verwirklichung hat eben auch ihren Preis.

Das freie Radio inmitten der deutschen Medienlandschaft
Ein freies Radio, wie hier in Rostock, ist jedoch nicht in allen Regionen Deutschlands die Regel. Jedes Bundesland hat seine eigenen Bestimmungen über das Betreiben freier Radios in den Landesrundfunkgesetzen. Stephan Tenner vom Community Media Forum Europe hat schon bei einigen Projekten dieser Art mitgekämpft. Manchmal klappt es, doch so manche scheitern auch. In Berlin beobachtet er seit langem den Versuch der Gruppen vor Ort, endlich eine eigene feste Frequenz zu erhalten.
Ob sich die Rostocker der Besonderheit ihres Lokalradios bewusst sind? Immerhin 23.000€ sind bei der gerade zu Ende gegangen großen Unterstützungsaktion für den Sender zusammengekommen. Anscheinend konnte LOHRO sich seit dem dauerhaften Übertragungsbeginn im Juli 2005 neben den traditionellen Frequenzen tatsächlich Gehör verschaffen. Unter der Voraussetzung einer derartig geringen Mediendichte wie in Mecklenburg-Vorpommern ist es nicht schwer als Alternative zum Mainstream wahrgenommen zu werden. Doch…

…wie alternativ muss und kann freies Radio eigentlich sein?
Für Viviana Uriona ist es die fundamentale Aufgabe der Berichterstattung auf freien Radiosendern, eine Gegenöffentlichkeit zu bilden; das heißt, offensiv zu Themen der öffentlichen Diskussion Stellung zu beziehen. Erst so hebe man sich vom Mainstream ab. Wirkliche Alternativität entstehe dann durch das Setzen eigener Thema neben dem Kosmos der traditionellen Medien, in denen das Agenda-Setting oftmals Regeln folgt, die an der Realität der Menschen vorbei zu gehen scheinen. Diesen Anspruch sah Viviana Uriona beispielsweise während der Berichterstattung des Internationalen Radioforums gegeben, das während des G8-Gipfels im Sommer 2007, die Rostocker Proteste journalistisch begleitete

Allerdings ist es fraglich, ob eine solche Zielsetzung mit dem „Mitmachradio“-Konzept von LOHRO überhaupt möglich sein kann. Wenn tatsächlich jeder generell die Möglichkeit hat sich dort zu beteiligen, ist dann eine derartig ausführlich recherchierte, tiefe kritische Stellungnahme der ehrenamtlichen Journalisten bei 24 Stunden Sendung am Tag überhaupt zu bewältigen? Nur was an Input reinkommt, kann schließlich wieder rauskommen. Und ist derartige Alternativität dann überhaupt noch konsensfähig genug, um in der breiten Bevölkerung letztendlich auch anzukommen? Und so pulsiert der Organismus am Rostocker Margaretenplatz weiter. Meinungsvielfalt braucht eben nicht nur die Menschen, sondern auch ganz viel Zeit.

Interesse bei LOHRO mitzumachen?

20.-21. Februar: LOHRO-Fahrscheinwochenende
Und ansonsten: Einfach anrufen, wenn man was weiß oder gar vorbeikommen und mitmachen, wenn man was zu sagen hat!

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